Europa bereitete sich auf den Winter vor, vergaß aber den Sommer | Meinung

Europa bereitete sich auf den Winter vor, vergaß aber den Sommer | Meinung

Europa steht wieder einmal vor einem intensiven Sommer. Auf dem gesamten Kontinent waren steigende Temperaturen nicht nur unangenehm, sondern auch gefährlich. Eine frühe Hitzewelle wurde mit mehr als 10.000 zusätzlichen Todesfällen in Verbindung gebracht. Stromausfälle führten dazu, dass Menschen erstickten, obwohl die Kühlung am dringendsten benötigt wurde. Andererseits sind in England, Frankreich, Italien, Spanien und Schweden Waldbrände ausgebrochen, die einst in erster Linie als Mittelmeerbedrohung galten, während Rekordtemperaturen auch Orte im Norden wie Dänemark erreichten. Die Geographie des europäischen Klimarisikos verändert sich schneller als die Infrastruktur, die zu seiner Bewältigung aufgebaut wurde. Die Klimaanlage ist eines der deutlichsten Beispiele für diese neue Schwachstelle.

Jahrzehntelang betrachtete ein Großteil Europas die Kühlung als etwas, ohne das man leben könnte. Die Häuser wurden so konzipiert, dass sie während langer Winter die Wärme speichern und nicht während längerer Hitzewellen kühl bleiben. Dennoch beträgt der Besitz von Klimaanlagen auf dem gesamten Kontinent immer noch etwa 20 %. Allerdings machen anhaltende Hitzewellen die Abkühlung zu einer Notwendigkeit für die öffentliche Gesundheit, insbesondere für ältere Menschen, Kinder und Menschen, die in schlecht geschützten städtischen Wohnungen leben. Das Problem besteht darin, dass die Nachfrage neue Höchststände erreicht, wenn Millionen Europäer auf elektrische Kühlung umsteigen, wodurch die Stromnetze überlastet werden und Schwachstellen in kritischen Infrastrukturen aufgedeckt werden. Das ist das zentrale Paradoxon der heißesten Sommer Europas: Der Klimawandel erhöht die Nachfrage nach Strom und schwächt gleichzeitig Teile des Energiesystems.

Hohe Temperaturen verringern die Effizienz von Wärmekraftwerken und Übertragungsnetzen. Dürre reduziert die Wasserkraftproduktion. Wärmere Flüsse und eine geringere Wasserverfügbarkeit können den Betrieb von Anlagen einschränken, die zur Kühlung auf Wasser angewiesen sind. Waldbrände können auch Übertragungsleitungen und andere kritische Infrastruktur beschädigen. Daher ist extreme Hitze nicht mehr nur ein Problem für die Umwelt oder die öffentliche Gesundheit; ist zu einem Problem der Energiesicherheit geworden.

Jahrelang basierte die Energiesicherheitsagenda Europas auf einer Reihe bekannter Bedenken: Erdgasversorgung, geopolitische Spannungen und Winterknappheit. Die Energiekrise nach der russischen Invasion in der Ukraine verstärkte diesen Ansatz und beschleunigte die Bemühungen zur Diversifizierung der Versorgung und zum Ausbau erneuerbarer Energien. Diese Maßnahmen waren notwendig, offenbarten aber auch einen blinden Fleck. Europa bereitete sich umfassend auf kalte Winter vor, den Risiken immer heißerer Sommer wurde jedoch deutlich weniger Aufmerksamkeit geschenkt.

Das ist nicht einfach ein politisches Versagen in Brüssel. Energie bleibt einer der souveränsten Politikbereiche innerhalb der Europäischen Union. Während Klimaziele größtenteils auf EU-Ebene koordiniert werden, werden Entscheidungen über Erzeugungsportfolios, Kernkraft, Netzinvestitionen und Kapazitätsplanung immer noch hauptsächlich von nationalen Regierungen getroffen. Es überrascht nicht, dass die Mitgliedstaaten Energie weiterhin als eine Frage der nationalen Sicherheit betrachten. Infolgedessen sind gemeinsame Klimaambitionen oft schneller vorangekommen als die Widerstandsfähigkeit nationaler Energiesysteme.

Europa hat sich auch tendenziell auf das konzentriert, was am einfachsten zu messen und anzukündigen ist: ein weiteres Gigawatt erneuerbarer Kapazität, ein anderes Emissionsziel oder eine andere Frist. Diese Indikatoren sind immer noch wichtig, aber sie zeigen nicht, ob Krankenhäuser, Haushalte und Stromnetze auch an den heißesten Tagen des Jahres funktionieren. Resilienz ist weniger sichtbar und politisch schwieriger zu feiern. Allerdings ist es die Widerstandsfähigkeit, die darüber entscheidet, ob ein Energiesystem einer Krise standhalten kann. Europa muss daher nicht nur in neue Erzeugungskapazitäten investieren, sondern auch in stärkere Netze, Speicherung, effiziente Kühlung und grenzüberschreitende Verbindungen. Auch klimasensible Gebäudestandards, ein verbessertes Wassermanagement, urbane Beschattung und Frühwarnsysteme müssen Teil der Energiewende sein. Das Ziel sollte nicht einfach darin bestehen, saubereren Strom zu produzieren. Es sollte auch darum gehen, diesen Strom verfügbar zu halten, wenn extreme Wetterbedingungen das System am stärksten belasten.

Kernenergie gehört in diese Diskussion, aber nicht als einfache Verteidigung bestehender Technologien. Wenn Europa bei der Erzeugung stabiler, kohlenstoffarmer Elektrizität auf Kernenergie setzen will, müssen neue Kraftwerke auf das Klima ausgelegt werden, in dem sie betrieben werden. Sie benötigen widerstandsfähigere Kühlsysteme, eine geringere Abhängigkeit von gefährdeten Süßwasserquellen, passive Sicherheitstechnologien und eine größere betriebliche Flexibilität. Diese Funktionen erhöhen die Anschaffungskosten. Sie sollten jedoch als langfristige Versicherung für die Energiesicherheit betrachtet werden. Der Bau einer günstigeren Infrastruktur, die bei Hitzewellen immer wieder zu Produktionsausfällen führt, kann sich letztendlich als deutlich teurer erweisen.

Diese Debatte dürfte im Zuge der Vorbereitungen für die COP31 noch relevanter werden. Seit vielen Jahren argumentieren Entwicklungsländer und am wenigsten entwickelte Länder, dass sich die Klimafinanzierung nicht nur auf Emissionsreduzierungen und den Einsatz sauberer Energie konzentrieren sollte, sondern auch auf die Stärkung der Widerstandsfähigkeit gegenüber Klimaauswirkungen. Ihr Aufruf hatte oft Schwierigkeiten, die gleiche politische Aufmerksamkeit zu erhalten wie die Klimaschutzziele. Die jüngsten Erfahrungen Europas heute zeigen, warum dieses Gleichgewicht nicht länger ignoriert werden kann. Klimaresilienz ist nicht länger eine auf den globalen Süden beschränkte Herausforderung; Es ist zu einem gemeinsamen globalen Bedürfnis geworden.

Vielleicht ist dies die Lektion, die die Behörden in diesem Sommer lernen sollten. Der Erfolg der Energiewende wird nicht allein daran gemessen, wie schnell Strom dekarbonisiert wird oder wie viele Projekte im Bereich erneuerbare Energien gestartet werden. Es wird auch davon abhängen, ob Energiesysteme auch dann sicher und zuverlässig funktionieren, wenn Klimaextreme sie am stärksten belasten. In der nächsten Phase der Energiewende geht es nicht nur darum, saubereren Strom zu produzieren, sondern auch darum, Energiesysteme aufzubauen, die widerstandsfähig genug sind, um einer heißeren Welt standzuhalten.

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